Ich wollte ja noch zum PhilharmonieLunch. Das ist eine öffentliche, kostenlose Orchesterprobe, die in der Philharmonie stattfindet. Dauer: Etwa eine halbe Stunde. Dieses Mal gab es ein Pröbchen von Wagner mit der Dirigentin Elim Chan.

Aber vorher noch mal auf’s Klo. Hätte ich besser gelassen, denn als ich da wieder rauskam hatte sich vor der Tür zum Konzertsaal ein Menschenklumpen gebildet. Ich kam also weder vor noch zurück (Demophobie lass nach), lehnte gemeinsam mit einer Frau, die auch was schlecht stehen kann, an einer Säule und unterhielt mich mit ihr.
Es wurde heiß – es wurde stickig – Sauerstoffmangel setzt ein – endlich öffnete sich die Tür und der Menschenklumpen setzte sich in Bewegung. Ich au… Autsch!
„Sie stehen auf meinem Fuß!“
„Ja, sonst hätten sie sich vorgedrängelt. Ich stand nämlich schon länger hier!“, meint er und stemmt seine 90 kg noch mal richtig fest auf meinen Fuß. „Das haben sie ganz geschickt eingefädelt, sich da seitlich durchzuschlängeln!“
Ich bin erstmal sprachlos.
„Das nennt sich Fairness!“, klärt er mich noch auf und drängelt sich sodann durch die Menge.
Ahja! Ich hielt es ja eher für Körperverletzung.
„Genießen sie trotzdem das Konzert.“ empfiehlt mir eine Dame.
Mach ich. Bekomme auch noch einen guten Platz, nachdem ich mich aus dem Menschenklumpen gelöst habe. (Handy stumm! Stöpsel in die Ohren) Neben mir sitzen Großeltern mit kleinen Enkeln. „Finde ich toll, dass Sie so was mit denen machen!“ (Ich kann auch nett)

Orchesterprobe ist ja etwas anders als ein richtiges Konzert. Elim Chan dirigiert das Gürzenich-Orchester mit vollem Körpereinsatz. Ich hätte jetzt Dirigieren nicht so mit körperlicher Fitness assoziiert. Ist aber so. Ab und zu unterbricht sie, um etwas zu korrigieren und die Musiker notieren etwas in ihren Noten. Einmal unterbricht sie auch mittendrin um ein paar Leute streng zurechtzuweisen, die hinter ihrem Rücken quatschen. Eine öffentliche Bloßstellung die wirkt. Übrigens: Die Enkel sind ganz leise.
Dann wird das ganze oder ein Teil des Stücks wiederholt und ich bekomme einen Eindruck, wie sich das Werk entwickelt.
Nach dem Vorspiel kommt der Liebestod und dann ist es auch schon vorbei. Der Enkel ist eingeschlafen. So ein kleines, kostenloses Häppchen Musik am Mittag ist eine gute Idee. Auch für Einsteiger, denen ein ganzes Klassik-Konzert noch zu viel wäre, oder auch Leute, die sich das nicht leisten können. Vielleicht gehe ich nochmal hin. Wenn bloß nicht der Menschenklumpen vor der Tür wäre.