Mit der Frühaufsteherei das muss ich mir wieder abgewöhnen. Ich gehe runter und alles ist noch zu. Das überaus dreckige Fahrrad ist im Saal gut eingeschlossen. Frühstück gibt es wohl erst ab 8.00. Ich lasse mein Buch frei und versuche bei Facebook die richtige Seite für den Wanderstein zu finden. Finde ich nicht und nehme stattdessen Findelsteine.

Nach dem Frühstück lasse ich ihn auf dem Rastplatz vom Vortag wieder frei. Nach Minden ist es nicht weit, aber trotzdem gut, dass ich früher angehalten habe, denn:





Ich überfahre den 9. östlichen Längengrad und gedenke der Uhrzeitumstellungshysteriker, die immer behaupten, 12.00 müsse sein, wenn die Sonne im Zenit steht.
Exkurs Uhrumstellung: Was heute als geforderte „Normalzeit“, also gemeint ist die Winterzeit, jedes Jahr durch’s Dorf getrieben wird, gibt es auch erst seit 1893. Vorher hatte jedes Dorf seine eigene Zeit, dem Sonnenstand entsprechend. Hier kann man sich anzeigen lassen, wann wo die Sonne auf und unter geht. Die Umstellung auf Greenwich Village Time wurde notwendig, damit für die ersten Bahnverbindungen sinnvolle Fahrpläne erstellt werden konnten. Wahrscheinlich fuhren die Züge pünktlich.

Danach muss ich mal wieder die Seite wechseln. Komoot sagt, hinter der Brücke scharf rechts, den Steilhang runter. Ich werfe einen Blick auf die Karte und fahre stattdessen bequem links runter zum Hafen Beerenbusch. Komoot sagt: „Du hast die Tour verlassen! Wirf einen Blick auf die Karte!“

Nur wenig später soll ich wieder die Seite wechseln. Aber wo ist die Brücke? Keine Brücke in Sicht. Des Rätsels Lösung:

Vorher hat schon der kleine Fluss Bückeburger Aue den Kanal unterquert. Ich habe dem Gebrodel eine Weile zugesehen, konnte es aber nicht richtig zuordnen.


Und dann bin ich auf dem Wasserstraßenkreuz.


Auf der anderen Kanalseite gibt es sogar einen Aussichtsturm, der ist aber wohl nur über eine Treppe erreichbar.

Und am Hauptpumpwerk Minden klärt sich auch die Frage: wie kommt eigentlich das Wasser in den Kanal? Der Bereich des Mittellandkanals von der Schleuse Anderten bis zur Abzweigung aus dem Dortmund-Ems-Kanal wird überwiegend vom Hauptpumpwerk Minden mit Wasser aus der Weser versorgt.

In Minden mache ich Mittag beim Inder.

Als ich da wieder aus komme, sieht der Himmel bedrohlich aus und ich entscheide mich spontan, ab Bahnhof Minden den Zug zu nehmen, anstatt nach Bad Oeynhausen zu fahren. Außerdem sind Endbahnhöfe besser zum Einsteigen mit Rad.
Die Rückfahrt: Ich war pünktlich, was nicht kam war der Zug. Die Auskunft der Bahn-App „Verbindung fällt aus“ bezog sich auf den RE7 ab Hamm. Und so standen wir uns die Beine in den Bauch und die Bahn bequemte sich nicht einmal, irgendeine Information zu geben, warum der Zug nicht kommt. Es kam ein RE Richtung Bielefeld, dessen Zugbegleiter weiß auch von nichts. Es macht PLING! Katwarn haut eine Unwetterwarnung für Minden raus. Nix wie weg. Ich springe ins leere Fahrradabteil nach Bielefeld.
In Bielefeld habe ich dann die Wahl zwischen gleich zwei Anschlusszügen: Dem stark verspäteten RE aus Minden* und dem regulär pünktlichen 10 Minuten später. Ich nehme den verspäteten.
*Grund ist eine verspätete Bereitstellung des Zuges. Nee, dafür habe ich kein Verständnis! Für Idioten im Gleis oder Sturmschaden kann die Bahn ja nichts.
Hamm könnte knapp werden, wenn der vorige Zug nach Köln nicht gefahren ist und jetzt gleich zwei aus Minden kommen. Es wurde knapp. Eine Frau mit einem Trike blockiert konsequent den Eingang zum Fahrradabteil. Sie selbst kann da nicht reinfahren, weil das Teil zu lang ist. Ich schiebe mich daneben und mit etwas umrangieren: zwei dicke Taschen mal kurz weg, das Trike etwas zurück, schaffe ich es auch ins Fahrradabteil, in dem noch genug Platz ist, aber sich wieder irgendwelche Fußgänger ohne Gepäck rumflätzen. Ein paar halten mir dreist ihren Behindertenausweis entgegen: Ohne Rolli habe ich selbst. Die könnten jeden anderen Sitzplatz okkupieren. Ein paar junge Männer sind offensichtlich blind, stumm und taub bis ein anderer Radfahrer etwas laut wird. So komme ich an einen Klappsitz für mich und eine halbe Parklücke für Black Beauty.

Nachtrag zur Bahn: Seit 1985 bin ich es gewohnt, mehr oder weniger kurze Strecken mit dem Rad in der Bahn zu überbrücken. Mal im Liegewagen nach Karlsruhe, mal im Nachtzug nach Paris, meistens aber mit Regionalverbindungen. Zwischenzeitlich wurden die Nachtzüge der Bahn abgeschafft, die Fahrradmitnahme im IC und ICE erst abgeschafft und jetzt gibt es sie wohl wieder. Es bleibt also nur der Regionalverkehr. Und da ist es immer schlechter geworden. Zwar gibt es, je nach Betreiber, mehr oder weniger großzügige Fahrradabteile, aber wir sind das letzte Glied der Kette: Zahlen müssen wir, haben aber mit dem Ticket keinen Anspruch auf Beförderung. Das muss sich ändern, wenn das mit dem Klimaschutz ernst gemeint ist.