Planlos in Deutschland


„Der Weg ist das Ziel.“ Kennt man ja, zumindest bei Radreisen. Ich plane ja schon herzlich wenig, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin. Jedenfalls weiß ich selten, wo ich abends ankomme und übernachte. Habe ich noch nie gewusst. Auch nicht bei den ersten Radreisen mit Freund, wo irgendein „Camping Municipal“ angesteuert wurde. Übrigens eine lobenswerte Erfindung der Franzosen, die man gerne mal hierher importieren könnte.
Aber meistens habe ich doch entweder ein Ziel: „Von Köln nach Seesen“, „Von Köln nach Hamburg“ oder wenigstens einen Weg: „Ostseeküsten-Radweg“, „Elbe-Radweg“.

Einmal aber war das nicht so. Damals, im vorigen Jahrhundert, war ich fest angestellt beim NDR und hatte nur zwei Wochen Urlaub zu einem festen Termin. Der Plan war: „Von Hamburg an die Müritz“ und er ging nicht auf, weil es schüttete wie aus Eimern. Da stand ich nun, unter einer Brücke in Harburg, mit dem Rest einer Erkältung in den Knochen und guckte in eine Regenwand. Schließlich fuhr ich zum Bahnhof in Harburg und erstand eine Fahrkarte für den Nachtzug nach Karlsruhe, weil der Oberrhein ja bekanntlich die trockenste Gegend in Deutschland ist. Bis zur Abfahrt ging zum Trocknen ich ins Kino: „Herr der Gezeiten“, eine fürchterliche Schnulle mit Nick Nolte und Barbra Streisand. Komisch, was so im Gedächtnis bleibt.

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Da stand ich nun, mit meinen Karten von Mecklenburg-Vorpommern im Badischen. Sonntags um 6 gab es auch keinen Fahrradplanladen, geschweige denn Frühstück. Aber es war sonnig und trocken und schließlich fand ich immerhin einen Bäcker. Gut gelaunt ging es den Rhein hoch, tatsächlich ohne Plan. Den Fluss zur Rechten kann man sich schwer verfahren, allerdings gab es schon ein paar Sackwege an den Rheinarmen. (Die Karte oben ist nur ein ungefährer Nachbau)
Mittags kam ich in Illingen an. Der Wirt der einzigen Gaststätte bot mir sein noch nicht ganz fertiges Gästezimmer zum Vorzugspreis an. Und was dann folgte, erlebt man wohl nur auf Zufallsreisen.
Den Nachmittag über trieb ich mich ohne Gepäck in den Rheinauen herum. Beim Abendessen stellte sich heraus, dass es sich bei dem Gasthof um die allseits beliebte Dorfkneipe handelte. Die männlichen Ureinwohner schafften es, mich mit Weinschorle komplett abzufüllen. Die eine war noch nicht leer, da stand schon die nächste an meinem Platz. Obwohl ich die Sprache nicht verstand, amüsierte ich mich prächtig. Ein polnischer Gastarbeiter tat sich als Übersetzer hervor. Um das ganze noch abzurunden erschien zu später Stunde noch ein Schwarzer, mit Souvenirs, Gürteln und Klimperkram behängt, wie ich ihn bis dato nur von den Küsten des Mittelmeers kannte. Ich begutachtete die Gürtel, entschied mich aber dann dagegen und ging irgendwann schlafen.
Am nächsten Morgen lag ein Gürtel auf meinem Frühstücksteller.
Leicht verkatert wendete ich mich zunächst gen Rastatt. Dort erstand ich eine ADFC-Fahrradkarte, eine Flasche Apfelsaft (sollte man nicht auf Ex- trinken habe ich da gelernt) und Sonnencreme, denn inzwischen war es nicht mehr warm sondern heiß.
Ich entschied mich für den Rheinradweg, der damals aber nicht direkt am Rhein entlang, sondern auf Wirtschaftswegen über die Hügel verlief.

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Gengenbach

Später bog ich ab Richtung Schwarzwald und blieb zwei Nächte in Gengenbach, ging einen Tag wandern und schaute eine Theateraufführung auf dem Marktplatz an.
Dort entschied ich mich spontan, durch das Kinzigtal zu fahren, tief in den Schwarzwald hinein, besuchte ein Gerber und Flößermuseum, fuhr ein Stückchen mit der Schwarzwaldbahn und landete so in Donaueschingen.

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Beim Schüttsägemuseum

Ab dort folgte ich dem Donauradweg, stand staunend vor der Donauversickerung und traf auf ein Schweizer Pärchen. Wir hatten uns seit Donaueschingen schon ständig gegenseitig überholt. Mal machten sie Pause, mal hatte ich ne Panne, jedenfalls fuhren wir dann ab der Donauversickerung zu dritt und checkten auch zu dritt in die Unterkünfte ein und besuchten zu dritt den Blautopf. Durch ein paar Deutsch-Schweizer Radrennen wurden auch die Tagesstrecken länger. Erst in Regensburg trennten sich unsere Wege wieder, denn mein Urlaub war zu Ende und ich musste mit dem Nachtzug nach Hamburg, die Beiden wollten weiter an den Bodensee.

Was ich aus dem Trip gelernt habe:

  1. Es gibt in Deutschland unglaublich viel zu entdecken.
  2. Man braucht keinen Plan um schöne Ferien zu haben, nicht einmal eine Landkarte.

Seitdem habe ich immer mal vorgehabt eine Radreise „Planlos in Deutschland“ zu fahren. Doch bisher ist mir immer ein Weg oder ein Ziel dazwischen gekommen.  Damals fand das noch unter verschärften Bedingungen statt. Mittlerweile ist Deutschland ja überzogen von einem gut ausgeschilderten Radfernwege-Netz und regionalen Wegweisungen. Es wäre doch bestimmt mal lustig nur mit dem Wind im Rücken zu fahren, steile Steigungen zu meiden, an Kreuzungen die Richtung auszuwürfeln oder einem Schild nach „Da war ich ja noch nie“ zu folgen.

4 Kommentare

  1. …und ich dachte, Du hast grad nicht viel Lust zum bloggen – dabei bekomme ich schlicht keine Benachrichtigungsmails mehr 😦
    Scheint ein generelles Problem zu haben, denn der Apfel hat mir, zufälligerwéise HEUTE, gemailt, daß sie auch keine Benachrichtigungen zu meinen Beiträgen mehr bekommt. Nochmal 😦

    Und jetzt ist die Kommentarfunktion unter dem Hinweis auf den „Tiergarten“-Blog geschlossen, dabei bin ich froh, den jetzt noch entdeckt zu haben!

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